#+INCLUDE: ../org-templates/level-1.org
#+title: Sprache, die kein Geschlecht impliziert
#+date: <2020-09-18 Fr>
Wenn wir als Schreibende unsere Worte so wählen, dass sie kein
Geschlecht implizieren, werden Frauen stärker mitgedacht. Damit
leisten wir einen Beitrag zur Chancengleichheit der Geschlechter. Wir
retten nicht alleine die Welt, aber wir leisten einen Beitrag in dem
Bereich, in dem wir Einfluss haben.
#+begin_export html
<div class="sourcebox" markdown="1" >
<a href="geschlechtsneutrale-sprache.pdf"><img title="PDF" src="../assets/pdf-thumbnail.png" /></a><br />
<a href="geschlechtsneutrale-sprache.pdf">PDF</a> (drucken)
</div>
#+end_export
Am 27. August hat F.B. Knauder veröffentlicht, wie er
[[https://www.tor-online.de/feature/buch/2020/08/romane-gendergerecht-schreiben/][einen Roman geschlechtsneutral gefasst hat]], ohne dabei auf Binnen-I, Sterne,
Unterstriche oder Doppelpunkte zurückzugreifen. Das hat mich dazu
gebracht, endlich einen Text von April dieses Jahres abzutippen:
Praktische Mittel zum unauffälligen geschlechtsneutralen Schreiben in
Sachtexten. Gendern mit möglichst wenig Irritation.
[[tipps][direkt zu den Tipps]]
* Vorrede
:PROPERTIES:
:CUSTOM_ID: vorrede
:END:
Für mich ist dieser Text ein Versöhnungsangebot an all die, die
wirklich ein Problem mit Änderungen der Sprache haben. Es gibt Leute,
die wirklich weniger flexibel sind, die sich schon kaum an das
Binnen-I gewöhnen konnten und durch die immer neuen Formen überfordert
werden. Ich habe seit 2010 [[https://www.1w6.org][das Ein-Würfel-System (Rollenspiel)]] im
generischen Femininum geschrieben, weil sich Leute unglaublich über
diese Formen aufgeregt haben. Inzwischen haben auch Andere diesen Weg
gewählt, ich selbst habe allerdings weiter gesucht, um einen Weg zu
finden, der niemanden ausschließt.
#+html: <a name=sprache-wirkt id=sprache-wirkt></a>
Doch zuerst: Sprache wirkt. Unsere Wortwahl beeinflusst deutlich, wer
bei einer Beschreibung mitgedacht wird.
Wenn Leute nach ihren Lieblingsschauspielern gefragt werden, nennen
sie vor allem Männer, wenn sie nach Schauspielerinnen und
Schauspielern gefragt werden, nennen sie etwa gleich viele Männer wie
Frauen. Eine Auswertung eines solchen Versuches sieht so aus:
[[file:schauspielerinnen.jpg]]
#+begin_quote
Jeder Schwarze Punkt zeigt die Frauen-Quote der Nennungen einer
Testperson. Der Querbalken den Durchschnittswert (gewichtet nach Zahl
der Antworten), nämlich zuerst 30%, dann 40% und zuguterletzt beim
Binnen-I sogar 58%.
— [[https://web.archive.org/web/20190620180245/http://elab.or.at/2008/08/schauspieler-und-schauspielerinnen-und-schauspielerinnen-2/][von Markus Zachbauer]]
#+end_quote
*Update (2021)*: /Quarks & Co hat 2021 ein noch stärkeres Experiment beschrieben, das die Verzögerung bis zur Antwort verwendet, um auf geschlechtsgebundene Vorstellung zu prüfen: [[https://youtu.be/to9lbR8JvyM?t=128][Was bringt Gendern wirklich? (bei 2:08)]]/
Einen Überblick zum Stand der Forschung bietet der Artikel
[[https://www.frontiersin.org/articles/10.3389/fpsyg.2016.00025/full][Can Gender-Fair Language Reduce Gender Stereotyping and Discrimination]].
Aktuell ist unsere Gesellschaft im Mittel unfair gegenüber Frauen. Am
deutlichsten sieht man das am [[https://www.destatis.de/DE/Themen/Arbeit/Verdienste/Verdienste-Verdienstunterschiede/Tabellen/ugpg-02-bundeslaender2006-2013.html][Gender-Pay-Gap]] in Baden-Württemberg:
Eine Frau verdient im Durchschnitt 1000€ Brutto weniger als ein Mann.
Das ist in etwa der Unterschied zwischen einer Frau ohne
Schulabschluss und einer Frau mit Hochschulabschluss. Ein Studium
bringt in Baden-Württemberg also so viel Zusatzeinkommen wie
zwei Hoden.
Ich sage bewusst „im Mittel“, weil im Osten dieser Gender-Pay-Gap
deutlich kleiner ist: Männer und Frauen verdienen im Osten beide etwas
weniger als Frauen im Westen.
Natürlich kann man jetzt rumrechnen und sagen, dass Frauen halt
schlechter bezahlte Jobs machen (dann wird die Lücke [[https://www.researchgate.net/publication/331593837_Verdienstunterschiede_zwischen_Mannern_und_Frauen_nach_Bundeslandern][kleiner aber
nicht null]]), man kann das ganze aber auch umdrehen und fragen, warum
wir als Gesellschaft [[https://www.zeit.de/arbeit/2018-06/gehaltsunterschiede-frauenberufe-loehne-gender-pay-gap/komplettansicht][Berufe schlechter bezahlen, die vor allem Frauen
machen]]. Was als wertvolle Beschäftigung gilt, ist alles andere als
objektiv.
Und natürlich liegt das nicht alles an der Sprache, der Anteil der Sprache
an der Benachteiligung von Frauen ist allerdings inzwischen belegt.
Und Sprache ist das Werkzeug, mit dem wir Schreibende arbeiten.
Was können wir als Schreibende also machen, um Benachteiligung von
Frauen zu reduzieren?
Wir können ändern, worüber wir schreiben, und wir können die Sprache ändern, die wir selbst
verwenden. Um letzteres geht es hier, denn wie es Ursula K. Le Guin [[https://youtu.be/Et9Nf-rsALk?t=274][so treffend sagte]]:
/„…Veränderungen beginnen oft in der Kunst, und sehr oft in unserer Kunst: Der Kunst der Worte.“/
Besser kann ich es nicht ausdrücken, daher ist jetzt genug der Vorrede.
#+latex: \clearpage
* Tipps für Geschlechtsneutrale Sprache.
:PROPERTIES:
:CUSTOM_ID: tipps
:END:
<<tipps>>
** *Neutrale Bezeichnungen*
Um neutrale Bezeichnungen zu finden gibt es ein paar einfache Techniken. Mein Merksatz dafür ist: *Alle Leute enden. Schafft Kraft-ung!*
*** *Alle* statt Jeder
„Alle Fachkräfte“ statt „Jeder Fachmann“
*** *„Leute“* ist ein tolles Wort! :-)
„Leute“ statt „Jeder“.
Auch zusammengesetzt: „Fachleute“
*** *-enden*
Für durch ihre Betätigung Definierte findest Du oft Worte mit der Endung -enden. Oft sind sie präziser.
„Studierende“ statt „Studenten“.[fn:1]
*** *-schaft*
Für zusammengehörige, unpersönliche, abgeschlossene Gruppen eignen sich oft Worte mit der Endung -schaft.
„Die Belegschaft“ statt „die Arbeitnehmer“
*** *-kraft*
Für Leute mit einer bestimmten Aufgabe gibt es oft ein Wort mit der Endung -kraft.
„Fachkraft“ statt „Facharbeiter”
*** *-ung*
Wenn die Funktion von Leuten im Vordergrund steht, lässt sich oft die Funktionsbezeichnung mit -ung ableiten.
„Spielleitung“ statt „Spielleiter“.
*** Wörterbücher für *neutrale Synonyme*
Wenn diese einfachen Tricks nicht reichen, wirst du vielleicht in Online-Quellen fündig:
- [[https://genderapp.org/][gender app]] (Suchmaschine für geschlechtsneutrale Synonyme)
- [[https://geschicktgendern.de/][Geschickt Gendern]] (Wörterbuch mit geschlechtsneutralen Synonymen)
** *Passiv*
Oft gibt es geschlechtsneutrale Passivformen für Gruppen; Häufig mit der Endung -te.
„Angestellte“ statt „Arbeitnehmer“.
** *Einzelpersonen* statt Gruppen
Wenn du keine neutrale Beschreibung findest, nimm ein Beispiel, eine
Einzelperson. Das hilft auch, deine Texte persönlicher zu machen und
bildet damit ein Gegengewicht zu den anderen Tipps hier, die die Texte
unpersönlicher machen können.
Durch eine passende Aufteilung der Beispiele nach Geschlecht (gerne
mit Durchbrechen von Stereotypen) werden die Beispiele in ihrer
Gesamtheit geschlechtsneutral.
** *Präzise Synonyme* nach Kontext
Wenn es einen weiblichen und einen männlichen Begriff gibt, aber
keinen Geschlechtsneutralen, dann wähle immer den für den Kontext
passenden.
Aus überzogener Konsistenz immer den gleichen Begriff zu
verwenden, selbst wo ein anderer besser passt, ist eine Kapitulation
vor der Komplexität von Sprache, die uns als Schreibenden schlecht zu
Gesicht steht.
Wenn es für Deinen Text einen zentralen personenbezeichnenden Begriff
gibt, such aktiv nach Synonymen und sag offen, wann du welche
Bezeichnung nutzt.
Im [[http://www.1w6.org][EWS]] verwende ich Charakter und Figur: Charakter, wenn es um die
Innensicht einer gespielten Person geht, Figur, wenn es um die
Außensicht geht.
** *Doppelnennung* und *Genderzeichen*
Wenn du keine neutrale Bezeichnung findest, funktioniert im
*Fließtext* meist die Doppelnennung am besten: „Die Arbeiterinnen und
Arbeiter“ statt „die Arbeiter“. In *Aufzählungen*, in denen es
wichtiger ist, kurze Bezeichnungen zu haben, als konventionelle,
bieten sich die inklusiven Genderzeichen an, also =*:_=. Das kann
besonders für Sachbuchautor*innen, Infoblogger:innen und
Newsletterautor_innen wichtig sein.
/Doppelnennung ist ein Kompromiss: sie bedeutet Diskriminierung
nicht-binärer Personen (die nicht Teil der zwei Genannten sind),/
/vermeidet aber Diskriminierung von Frauen und von Leuten mit
Sprachschwierigkeiten (vermeidet also Ableismus)./
** *Anrede von Gruppen*
Ideen:
- *Hallo/Guten Tag <Vorname> <Nachname>* - nur wenn der Vorname bekannt ist
- *Hallo/Guten Tag* - ohne Namen, ist allerdings unpersönlicher
- *Sehr geehrte Interessierte* - mit neutraler Bezeichnung für die Gruppe (z.B. auch „Anwesende“)
- Sehr geehrte Damen, Herren und Diverse - Divers ist ein offizieller Geschlechtseintrag, kann also für Gruppen genutzt werden
- *Sehr geehrte Damen, Herren und Nicht-Binäre* - Nicht-Binär hat sich als Selbstbezeichnung eher durchgesetzt als „Divers“. Auch möglich: „und Weitere“
/Die Anrede ist so zentral, dass hier Doppelnennung als Notlösung unpassend wäre, weil sie einen Ausschluss von Leuten bewirkt, die weder eindeutig Mann noch eindeutig Frau sind. Als Insellösung anderswo im Text, wo nichts besseres passt, sollte Doppelnennung nichts machen./
* Zusammenfassung
Neutrale Wortwahl:
- *Alle* statt Jeder.
- *Leute* für undefinierte Gruppen.
- Wörter mit *-enden* (aktiv) oder -te (passiv/vergangenheit).
- *-schaft* für abgeschlossene Gruppen
- *-kraft* für Leute nach Tätigkeit oder Fähigkeit
- *-ung* für Leute nach Rolle / Funktion
- Online Synonymwörterbücher
Weitere Möglichkeiten:
- Doppelnennung im Fließtext, Genderzeichen in Aufzählungen
- Einzelpersonen statt Gruppen
- Weiblich und männlich konnotierte Wörter nach Kontext
/Was hier fehlt: Hier geht es vorrangig um Diskriminierung, die durch Bevorzugung eines Geschlechtes unserer Sprache entsteht. Doppelnennung hilft nicht, die Sichtbarkeit derer zu steigern, die zwischen diesen Polen sind, oder auf die keins dieser Geschlechter wirklich passt. Eine inklusive Anrede ist ein Erster Schritt. Wenn ihr in dem Bereich helfen wollt, ist ein weiterer Schritt, beim Schreiben auf eine [[https://www.1w6.org/blog/drak/2018-09-18-ews-30-f-r-den-nanowrimo#sexualitaet][realistische Verteilung der Geschlechter und der sexuellen Ausrichtung]] zu achten. Das gibt es auch [[https://www.1w6.org/releases/tabellen-30ra9.pdf][zum Drucken]] (Seite 22)./
#+begin_kasten
*Update:* Die Deutschen Presseagenturen nutzen jetzt auch geschlechtsneutrale Sprache: [[https://www.presseportal.de/pm/8218/4947122][Nachrichtenagenturen wollen diskriminierungssensibler berichten]]
#+end_kasten
* Kommentare
:PROPERTIES:
:CUSTOM_ID: kommentare
:END:
** Nur Gendern löst das "mitgedacht"-Problem
Ein verbreiteter anderer Ansatz ist, dass Frauen sich mitgemeint fühlen sollen. Ein Beispiel:
#+begin_quote
Nur wenn sich Männer wie Frauen bei "Ingenieur" (utrisch) angesprochen fühlen, endet diese systemische Ausgrenzung. — @DingoSaar 2021-01-11
#+end_quote
Dieser Lösungsversuch legt die Handlungsverpflichtung auf die Frauen „fühlt euch angesprochen“ — das ist aber gar nicht das Problem.
Das Problem ist, dass Leute bei grammatikalisch männlichen Formen *Frauen weniger mitdenken*.
Die weibliche Form aus der eigenen Sprache zu streichen verursacht zwar weniger Ausgrenzung im eigenen Kopf und bei Leuten, die das auch machen, hat allerdings keine Auswirkung auf mitgedacht werden bei Anderen. Es funktioniert nur, wenn /vorher/ die Gesellschaft geändert wird. Die bewusste Wahl von Worten, die für alle in der Gesellschaft geschlechtsneutral sind, bewirkt dagegen ein mitgedacht werden bei allen.
Zusätzlich ist es im Deutschen viel problematischer, die weibliche Form wegzulassen, als im Englischen, weil im Deutschen alle Personenbezeichnungen geschlechtsspezifische Pronomen tragen ("der" oder "die") und das einzige neutrale Pronomen ("das") nur für Sachen und Kinder genutzt werden kann.
** Bei neutraler Sprache werden beide geschlechtsspezifische Bezeichungen von der Grundform abgeleitet
Ein Argument, das gegen Gendern ins Feld geführt wird, dass es
vermeintlich zu [[https://de.wikipedia.org/wiki/Othering][Othering]] führt. Othering würde bedeuten, dass die
weibliche Form als „das Andere“ gesehen wird, weil sie ein Derivativ
der männlichen Form ist. Das Gegenteil ist allerdings der Fall: Die
meisten Arten des Genderns (sowohl die hier beschriebene neutrale
Sprache mit Doppelnennung, als auch Binnen-I oder
Gender-Stern/-Gap/-:) sorgen dafür, dass sowohl die männliche als auch
die weibliche Form Derivative der genutzten Form sind.
Neutrale Sprache hebt also das in ungegenderter Sprache existierende
Othering auf und stellt beide Geschlechter gleich: Beide
geschlechtsspezifischen Formen werden von der Grundform abgeleitet.
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* Footnotes
[fn:1] Es gibt hier Feinheiten zwischen „was wir gerade tun“ und „wer wir sind“. In manchen Texten ist diese Unterscheidung kritisch. Beispiel: „In der Kneipe sah ich Studierende“. Das sind auf ihre Bücher konzentrierte Leute. Wenn solche Stellen Feiernde bezeichnen sollen, die an der Uni eingeschrieben sind, eignet sich je nach Kontext entweder Doppelnennung („Studentinnen und Studenten“) oder eine Gap-Form („Student:innen“ oder „Student*innen“). Umgekehrt ist „Studierende“ oft nicht nur der Neutrale, sondern auch der präzisere Ausdruck: ich halte meiner Vorlesung vor Studierenden. Das sind die, die aktuell studieren.
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